Investitionen brechen um 20 Prozent ein – China erhöht den Druck – Software und autonome Mobilität bieten neue Milliardenchancen.
Wien, 09. Oktober 2026 – Europas Automobilindustrie steht unter massivem Veränderungsdruck. Eine aktuelle Branchenanalyse von ACREDIA gemeinsam mit Allianz Trade zeigt: Die Probleme reichen weit über schwache Nachfrage, chinesische Konkurrenz und den Umstieg auf Elektromobilität hinaus. Über Jahre floss zu viel Kapital in bestehende Verbrennerplattformen und kurzfristige Margenziele, während Investitionen in Elektrifizierung, Digitalisierung und neue Technologien zu spät oder zu wenig fokussiert erfolgten.
Besonders deutlich zeigt sich der Handlungsbedarf bei den Investitionen: Die Investitionen europäischer Automobilhersteller sind 2026 um rund 20 Prozent eingebrochen – der stärkste Rückgang seit 2018. Gleichzeitig steigerten andere europäische Großkonzerne ihre Investitionen um rund zehn Prozent.
„Europas Autoindustrie braucht nicht einfach mehr Kapital – sie muss vor allem konsequenter in die richtigen Zukunftsfelder investieren. Wer heute bei Software, Batterietechnologie, KI und autonomer Mobilität den Anschluss verliert, wird morgen auch bei Wertschöpfung und Marktanteilen zurückfallen“, sagt Gudrun Meierschitz, Vorständin der ACREDIA Group.
Drei Milliarden Euro Wertschöpfung stehen auf dem Spiel
Wie groß der wirtschaftliche Druck auf Europas Automobilindustrie ist, zeigt exemplarisch die Entwicklung führender deutscher Hersteller: Ihre Wertschöpfung je verkauftem Fahrzeug in Europa lag im ersten Halbjahr 2026 30 bis 45 Prozent niedriger als 2021/22. Gleichzeitig verloren sie seit 2021 rund zehn Prozentpunkte Marktanteil in Europa und sieben Prozentpunkte in China.
Setzt sich diese Entwicklung fort und gehen bis 2030 in Europa und China jeweils weitere drei Prozentpunkte Marktanteil verloren, wären rund drei Milliarden Euro Wertschöpfung gefährdet. Bereits ein Rückgang um jeweils 0,5 Prozentpunkte würde die jährliche Wertschöpfung um rund 480 Millionen Euro reduzieren.
„Europa verfügt weiterhin über enormes industrielles Know-how. Aber dieses Know-how muss jetzt in Wettbewerbsfähigkeit übersetzt werden. Dafür braucht es klare Investitionsentscheidungen, weniger parallele Projekte und mehr Fokus auf jene Technologien, die Europas Autoindustrie langfristig stärken“, so Meierschitz.
China erhöht den Druck auf Europas Heimatmarkt
Der Wettbewerbsdruck durch chinesische Hersteller nimmt weiter zu. Ihr Anteil an den europäischen Neuzulassungen erreichte Mitte 2026 annähernd zehn Prozent. Erstmals verkauften chinesische Marken mehr als eine Million Fahrzeuge in Europa. Bei batterieelektrischen Fahrzeugen liegt ihr Marktanteil bei 16 Prozent, bei Plug-in-Hybriden bei 26 Prozent.
Auch die EU-Zölle haben diesen Vormarsch bislang kaum gebremst. Chinesische Anbieter setzen verstärkt auf Hybride und Plug-in-Hybride und bauen gleichzeitig ihre Vertriebs- und Servicenetze in Europa aus.
Doch die Studie zeigt auch einen Lichtblick: Im preisgünstigsten Segment der Limousinen und Kleinwagen unter 50.000 Euro bieten europäische Modelle derzeit ein um drei bis fünf Prozent besseres Preis-Reichweiten-Verhältnis als chinesische Elektroautos auf dem europäischen Markt.
„Europäische Hersteller müssen sich im direkten Wettbewerb keineswegs verstecken. Gerade beim Preis-Reichweiten-Verhältnis zeigt sich, dass europäische E-Autos konkurrenzfähig sind. Diese Stärke gilt es jetzt zu nutzen und in Marktanteile und Wachstum zu übersetzen“, sagt Meierschitz.
Software wird zum Milliardenmarkt
Die Wertschöpfung im Auto verändert sich grundlegend. Entsprechend groß sind die Chancen durch neue digitale Geschäftsmodelle: Der weltweite Markt für Fahrzeugsoftware dürfte von rund 340 Milliarden US-Dollar 2025 auf 520 Milliarden US-Dollar bis 2035 wachsen.
Eine Modellrechnung zeigt das Potenzial: Verkauft ein Hersteller zehn Jahre lang jährlich eine Million Fahrzeuge und bietet digitale Dienste für monatlich 50 Euro an, deren Nutzung von 33 auf 50 Prozent steigt, könnten daraus im zehnten Jahr rund drei Milliarden Euro wiederkehrende Umsätze entstehen. Das entspräche rund acht Prozent des durchschnittlichen Jahresumsatzes 2025 großer europäischer Hersteller.
„Made in Europe“ allein reicht nicht
Bei Batterien plädiert die Analyse für einen strategischen statt rein protektionistischen Ansatz. „Made in Europe“-Vorgaben könnten die Kosten eines Batteriepakets beziehungsweise den Preis eines Elektroautos um rund 2.000 Euro oder etwa fünf Prozent des im letzten Jahr verzeichneten Durchschnittspreises erhöhen. Gleichzeitig dürfte die europäische Zellproduktion selbst bei einem realistischen Ausbau bis 2035 lediglich rund die Hälfte der heimischen Nachfrage decken.
Statt vollständiger Autarkie setzen ACREDIA und Allianz Trade daher auf strategische Partnerschaften und gezielte Investitionen in Zukunftstechnologien – etwa Festkörperbatterien sowie Chip-, KI- und Softwarelösungen.
Autonome Lkw statt Robotaxi-Wettlauf
Auch beim autonomen Fahren liegen Chancen abseits des Robotaxi-Marktes. Der Markt für autonome Lkw könnte bis 2035 auf rund 559 Milliarden US-Dollar wachsen und damit sogar größer sein als der Robotaxi-Markt mit rund 415 Milliarden US-Dollar. Für europäische Hersteller bieten insbesondere autonomer Güterverkehr, Logistik und öffentlicher Nahverkehr Potenzial.
„Europa muss nicht in jedem Zukunftsfeld alles selbst machen. Entscheidend ist, jene Bereiche zu identifizieren, in denen wir unsere industrielle Kompetenz mit neuen Technologien verbinden und daraus nachhaltige Wettbewerbsvorteile schaffen können“, so Meierschitz.
Europa muss jetzt die richtigen Prioritäten setzen
Die Analyse zeigt: Europas Autoindustrie ist keineswegs chancenlos, braucht aber einen strategischen Kurswechsel – weniger parallele Plattformen, mehr Kooperation bei Forschung und Entwicklung, gezielte Partnerschaften bei Batterien und Halbleitern und Investitionen in jene Technologien, die künftig die Wertschöpfung bestimmen.
„Die europäische Automobilindustrie hat weiterhin alle Voraussetzungen, um im globalen Wettbewerb eine bedeutende Rolle zu spielen. Entscheidend ist, Kapital nicht länger mit der Gießkanne zu verteilen, sondern gezielt auf jene Technologien zu setzen, die die Wertschöpfung der nächsten zehn Jahre bestimmen“, so Meierschitz abschließend.
Die gesamte Studie zur europäischen Automobilindustrie kann hier heruntergeladen werden: LINK
Rückfragehinweis:
Stefan Lindlbauer, Head of Marketing, Communications & Digital
ACREDIA Group Tel.: +43 (0)5 01 02-2150, E-Mail: stefan.lindlbauer@acrediagroup.com
Über die Acredia-Gruppe
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